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Vom Umgang mit Dir und der Welt

Für manche Menschen scheint die Welt immer sonnig zu sein. Diese Menschen strahlen eine Fröhlichkeit und Leichtigkeit aus, dass man sich manchmal schon fragen kann, woher sie das nehmen, obwohl das Leben doch oft so merkwürdige und -seien wir ehrlich- anstrengende Kapriolen schlägt. Ist das Leben dieser Menschen denn niemals anstrengend, ermüdend und deprimierend? Ist das Schicksal wirklich so ungerecht, dass es sich seine Pechvögel und Glückspilze aussucht und so seine Spielchen mit uns treibt? 

Oder tun diese Menschen insgeheim irgendetwas, was sie den Anderen vorenthalten? 

In diesem Artikel widme ich mich der Frage, wie der Umgang mit uns selbst, unseren Umgang und unsere Sichtweise auf unsere Umwelt beeinflusst und wie beides einander bedingt. 

 

Du erfährst also folgendes: 

  1. Warum neigen wir dazu, uns mit Anderen zu vergleichen? 
  2. Welche Konsequenzen ziehen wir fälschlicherweise aus unseren Vergleichen?
  3. Was hat unser Selbstbild mit unserer Wahrnehmung der Außenwelt zu tun?
  4. Wie können wir beides positiv beeinflussen?

Warum neigen wir dazu, uns mit Anderen zu vergleichen? 

 

Der Mensch ist ein soziales Wesen, ein Rudeltier, sozusagen. Aus diesem Grund sind wir bestrebt, einen Platz in der Gesellschaft in der wir leben zu finden, und zu erhalten. Um sicherzustellen, dass wir den sozialen Anforderungen entsprechen, die eine Gesellschaft an uns stellt, vergleichen wir uns mit Anderen. Dieses Verhalten ist nicht antrainiert. Es ist als ein Überlebensinstinkt in uns abgespeichert. Schon als Babys lernen wir bestimmte Verhaltensweisen, durch Nachahmen der Eltern, Geschwister und anderer Bezugspersonen. Und das erstaunlich schnell! Das erlernen von Sprache und Kommunikation ist ein Zusammenspiel, neuronaler Vorgänge und der Fähigkeit des Nachahmens. Eine großartige und komplexe Leistung, die wir da vollbringen! 

 

Je älter wir werden, desto autonomer wird unser Denken und Handeln. Wir beginnen, uns und unsere Umwelt zu hinterfragen. Die Symbiose, die Anfangs zwischen Eltern und Kindern besteht, löst sich langsam und entwickelt sich zu einer Beziehung. Wir beginnen zu begreifen, was Nähe und Distanz bedeuten und dass wir mit unseren Handlungen selbst beeinflussen, welche dieser beiden Zustände, vorherrschend sind. Instinktiv wissen wir schon als Kinder, dass eine zu große Distanz zu unserer Umwelt nicht gut ist. Diesen Zustand erleben wir als unbehaglich und bedrohlich. Gleichzeitig wollen wir aber zu einem Individuum werden und so beginnen wir auszutesten, wie weit wir uns entfernen können, ohne den Anschluss zu verlieren.

 

Im Alter zwischen zwei und Drei Jahren, beschäftigt uns diese Frage sehr. Eltern kennen diese Phase. Sie wird häufig als "Trotzphase" bezeichnet, wobei mir der Begriff "Autonomiephase" besser gefällt, da er den Zustand des Kindes sehr viel besser beschreibt. Plötzlich wirkt es, als sei das bisher so zufriedene, harmoniebedürftige und fröhliche kleine Wesen auf einmal zu einem motzenden, wütenden, oft weinerlichen oder auch zornigen "Kampfzwerg" mutiert, der aber im nächsten Moment wieder auf den Schoß gekrochen kommt, sich ankuschelt und eine Geschichte vorgelesen bekommen möchte. Mit diesen "Stimmungsschwankungen" hat jeder von uns, seine Eltern an ihre Grenzen gebracht. Nicht, um zu rebellieren, nicht, weil wir das Leben so doof fanden, sondern, weil es ein notwendiger Teil unserer Entwicklung war. So haben wir gelernt, eigene Schritte zu unternehmen und dabei aber nicht den Anschluss zu verlieren. Im günstigsten Fall hatten wir Eltern, die uns in dieser Phase liebevoll begleitet haben. Dann haben wir gelernt, dass es o.k. ist, einen eigenen Willen zu entwickeln, solange wir unser Umfeld nicht verletzen, gefährden oder dominieren. 

Im ungünstigsten Fall wurden wir mit Strafen und Missachtung belegt, sobald wir unerwünschtes Verhalten gezeigt haben und haben daraus den Schluss gezogen, dass wir uns ein Verhalten aneignen müssen, was nicht unseren Emotionen entspricht, um den Anschluss an die Gruppe nicht zu verlieren. Die meisten von uns bewegen sich irgendwo zwischen diesen beiden Möglichkeiten. 

 

Das, was wir als Kleinkinder im Elternhaus ausprobieren, bekommt eine weitere Dimension, sobald wir das sichere Nest verlassen. Kindergarten und Schule sind Orte, in denen wir unsere bisher erlernten Kompetenzen und Erkenntnisse weiter austesten und verfeinern. Wir schließen Freundschaften und begegnen auch Menschen, die wir nicht mögen. Wir lernen, (mehr oder weniger effektiv) mit Konflikten umzugehen und uns in unserem neuen Umfeld zu positionieren. Dabei müssen wir uns immer wieder mit Anderen vergleichen, da der Vergleich eine wichtige Komponente unserer Selbstwahrnehmung darstellt. Ohne ihn könnten wir unser eigenes Verhalten nicht in einen Kontext setzen. 

Sich mit Anderen zu vergleichen ist also zunächst einmal weder falsch noch richtig. Es ist einfach eine völlig neutrale, instinktive Verhaltensweise. 

 

Welche Konsequenzen ziehen wir fälschlicherweise aus unseren Vergleichen?

 

Leider neigen wir aber dazu, mit den Erkenntnissen die wir aus unseren Vergleichen ziehen, nicht unbedingt neutral umzugehen. Im Gegenteil. Wir haben die durchaus anstrengende Eigenschaft, ständig zu kategorisieren. "Besser oder schlechter", "schneller oder langsamer" "schöner oder hässlicher", "einfacher oder schwerer"... die Liste möglicher Kategorien ist endlos. Sobald wir uns aber beginnen zu kategorisieren, beginnen wir zwangsläufig auch, unser Umfeld zu kategorisieren. Denn, wenn ich schöner bin, muss mein Gegenüber hässlicher sein, wenn ich schlechter bin, muss mein Gegenüber besser sein u.s.w. . Würden wir stattdessen einfach sagen "ich bin schön", könnte unser Gegenüber ebenfalls schön sein. Dadurch, dass wir dazu neigen, für jede verglichene Eigenschaft den passenden Komparativ hervorzukramen, tun wir genau das Gegenteil von dem, wofür unsere Fähigkeit, zu vergleichen, eigentlich gedacht ist. Wir isolieren uns. Denn sind wir besser bedeutet das, dass wir uns nicht mehr auf einer Ebene mit den Anderen befinden. Statt in der Gesellschaft, befinden wir uns plötzlich über der Gesellschaft.

 

 

Was hat unser Selbstbild mit unserer Wahrnehmung der Außenwelt zu tun?

 

Und noch etwas entscheidendes passiert: Wir verändern nicht nur die Sicht auf uns, sondern auch die Sicht auf unser Umfeld. Denken wir, dass wir besser sind, befinden wir uns in einem Umfeld, was zwangsläufig schlechter sein muss. Wir sorgen also durch unsere Kategorisierung dafür, dass wir unser Umfeld als negativer wahrnehmen, als nötig. Würden wir stattdessen denken "ich bin gut", würden wir Raum schaffen für Andere, neben uns und mit uns gut zu sein. Dann würden wir uns in einer guten Gesellschaft befinden, ohne, dass wir uns selber dadurch als schlechter wahrnehmen (und andersrum). 

Wie wir uns Kategorisieren, beeinflusst also direkt, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. 

 

Aber ist das nicht alles nur Schönmalerei?

Ja und nein! Denn Fakt ist: Es gibt nicht die eine, richtige Wahrnehmung. Unsere Wahrnehmung ist IMMER individuell und geprägt von unseren Erfahrungen und unserer Art und Wiese, diese einzuordnen. Deswegen kann sie auch nie wirklich falsch sein. Ob du die Welt also als etwas bedrohliches, bedrückendes oder tendenziell anstrengendes betrachtest, oder ob sie für dich zu einem Ort voller toller Begegnungen, Erfahrungen und Erlebnissen wird, liegt am Ende an dir selbst. DU selbst entscheidest, in welcher Welt du leben möchtest und in welchem Umfeld. Und das schöne daran: Auch wenn du bisher eher unzufrieden warst mit dir oder deiner Umgebung, kannst du jederzeit und augenblicklich damit beginnen, deinen Standpunkt und deine Sichtweise zu verändern. 

Das bedeutet natürlich nicht, dass du nie wieder vor Problemen oder Herausforderungen stehen wirst. Aber du wirst sie in einen anderen, positiveren Kontext setzen können und dadurch ganz neue Lösungen und Handlungsstrategien entdecken. 

Und allmählich wirst du selber zu einem dieser Menschen, der eine so lebensbejahende Ausstrahlung hat, dass die Anderen sich fragen werden: "Wie macht sie/er das bloß?" . 

Klingt doch nicht schlecht, oder?

 

Wie können wir nun Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung unserer Umwelt, positiv beeinflussen?

Alfred Adler, Begründer der Individualpsychologie und einer der größten Kritiker, Sigmund Freuds, bemerkte durch seine Arbeit als Augenarzt, dass es nicht der Umstand ist, der eine Person verzweifeln oder scheitern lässt. Entscheidend für unseren Umgang mit Schicksalsschlägen, Schwierigkeiten und Problemen ist vor Allem die Art, wie wir sie betrachten. Arrangieren wir uns positiv mit dem Umstand, entwickeln wir Energie und Motivation, mit der neuen Situation so gut wie möglich umzugehen, schaffen wir es, unsere psychische Stabilität zu erhalten oder sogar zu stärken. Heute nennen wir diese Fähigkeit auch "Resillienz" (psychische Widerstandskraft). Ergeben wir uns unserem Schicksal stattdessen kampflos weil wir uns von dem neuen Umstand verunsichern bzw. in die Knie zwingen lassen, leidet auch unsere Psyche, langfristig. Dies hat dann wiederum Auswirkungen auf unsere langfristige Wahrnehmung und Beurteilung unserer Selbst und unserer Umwelt. 

 

Es lohnt sich also, sich immer wieder bewusst zu machen, dass es nicht der Umstand ist, der unser Empfinden beeinflusst, sondern immer die Bedeutung, die wir ihm beimessen. Sind wir uns dessen bewusst, können wir negative Gedankenmuster schneller erkennen, hinterfragen und auch verändern. Das bedarf einer Gewissen Zeit des Trainings. Aber es ist lernbar und unser Gehirn gewöhnt sich mit der Zeit an die neue Denkstruktur und wendet sie irgendwann automatisch an. 

 

Zu diesem Thema gibt es ein wirklich schönes Buch des Autors, Ichiro Kishimi, welches inzwischen auch als Hörbuch verfügbar ist. Der Titel des Buches "Du musst nicht von allen gemocht werden" wirkt evtl. etwas irreführend, da das Buch weder ein Ratgeber ist, noch in erster Linie diese Thematik aufgreift. In dem Buch geht es um die Lehren und Erkenntnisse Alfred Adlers. Diese wurden hier in eine wunderschön geschriebene Geschichte eingefasst, die in Dialogform vorgelesen wird. Das Hörbuch hat eine tolle Atmosphäre und es macht immer wieder Spaß, es anzuhören. 

Wer also Interesse hat, sich näher mit der Thematik zu befassen, dem lege ich dieses (Hör-)Buch sehr ans Herz. 

Wer noch kein Audible-Konto nutzt, hat einen einen kleinen Vorteil, denn das Hörbuch ist im Probemonat gratis erhältlich. 

 

 

 Hier gehts zum Buch: