· 

Ich und Ich und Ich und Ich und...

Warum sind wir manchmal so überzeugt von einer Sache und an anderen Tagen so voller Zweifel? Wie kann es sein, dass etwas, was wir eigentlich toll finden, plötzlich viele Fragezeichen aufwirft und uns zum Schwanken bringt? Warum gibt es Tage, an denen wir uns mit unsern Ideen und unseren Tun im Einklang befinden um am darauffolgenden Tag festzustellen, dass wir das, was wir gestern noch gut fanden, heute zutiefst kritisieren und ablehnen? 

 

Das innere Team

Diese Ambivalenz ist Ausdruck unseres inneren Teams. Denn, egal, ob wir uns inmitten von hunderten Menschen befinden oder still und leise in unserem Kämmerlein vor uns hinarbeiten, wir sind nie ganz alleine. In uns wohnt und arbeitet eine kleine Firma mit mehren Angestellten, die immer und zu jeder Zeit aktiv ist. Unser inneres Team begleitet uns durch unseren Alltag. Es ist beteiligt an allen Entscheidungsprozessen und es bestimmt mit, wie wir Eindrücke, Ideen und Umstände bewerten und beurteilen. Das innere Team ist ein Zusammenschluss von Workaholics. Denn es arbeitet IMMER. Gefragt oder ungefragt - es macht seinen Job. 

Das kann große Vorteile haben, es kann uns aber auch ganz schön zum zweifeln bringen. Nämlich dann, wenn wir es nicht bewusst in unsere Überlegungen miteinbeziehen. Wie jedes Team, braucht auch dieses Team eine gewisse Führung und eine Richtung. Dafür ist es aber wichtig, dass wir unser Team zunächst einmal kennenlernen. Denn wie im "echten Leben" auch, ist es schwierig, mit Mitarbeitern umzugehen, die wir kaum bis gar nicht kennen. So verschieden wir wir sind, so verschieden ist auch die Konstellation unserer inneren Teams. Dennoch gibt es ein paar Punkte, die allgemeingültig sind und die Arbeit mit unserem Team enorm erleichtern. Und nicht nur das: Haben wir gelernt, mit unserem inneren Team konstruktiv zusammenzuarbeiten, können daraus großartige Resultate entstehen. Es lohnt sich also, sich die Zeit zu nehmen und seine Mitarbeiter genauer kennenzulernen. 

 

Kreatives Arbeiten ist Teamwork!

Je kreativer ein Arbeitsprozess ist (egal, ob man ein Buch schreibt, ein Bild malt oder eine Unternehmensstruktur plant), desto höher ist auch die Beteiligung des inneren Teams. Denn Kreativität ist nichts Anderes, als das Umsetzen, innerer Ideen, Vorstellungen oder Impulsen. Je kreativer ein Prozess ist, desto weniger Fakten und Vorgaben sind vorherrschend. Das hat den Effekt, dass wir zwar freier in unseren Entscheidungen sind, aber auch weniger Orientierungspunkte haben. Wir müssen uns darauf verlassen, dass das, was wir erschaffen, effektiv genug ist, um zu bestehen. Jeder Künstler (ob Maler, Bildhauer, Musiker oder Buchautor) kennt und fürchtet den Begriff "Schaffenskrise". Denn diese bedeutet nicht nur das fehlen guter Ideen, sie bedeutet gleichsam auch den Verlust von Einkommen, Ansehen und Erfolg. Dabei ist eine Schaffenskrise nichts anderes, als das wilde Durcheinanderspekulieren des inneren Teams. Ist die Schaffenskrise da, ist die erste Aufgabe die es zu bewältigen gilt, das innere Team wieder an einen Tisch zu bekommen. Das innere Team WILL arbeiten. Es will mitentscheiden und es will in seinen Ansichten, Anregungen und Bedenken ernst genommen und angehört werden. Wir sollten ihm diesen Respekt zollen. Denn dann leistet es tolle Arbeit. 

 

Wer gehört zu meinem Team?

Der erste Schritt um mit unserem inneren Team zusammenarbeiten zu können, ist, es kennenzulernen. Ein Mensch der sein inneres Team nicht kennt ist wie ein Chef, der die Menschen in seinen Abteilungen nur aufgrund einer Personalakte auseinanderhalten kann. Kommunikationsschwierigkeiten sind da vorprogrammiert. Nehmen wir uns die Zeit, unser inneres Team wirklich kennenzulernen und wissen, mit wem wir es zu tun haben, werden wir sehr viel effektiver und effizienter arbeiten können. 

Wie stellt man das aber nun an? Wie lernt man jemanden kennen, den man nicht sehen kann, mit dem man sich nicht unterhalten kann und der es bisher geschafft hat, sich völlig unterhalb unserer Wahrnemungsgrenze zu bewegen? zugegeben - es bedarf etwas Zeit und Feingefühl. Aber keine Sorge: Es gibt in unserem inneren Team auch dafür einen Experten. 

 

Bilder können helfen!

Unser inneres Team kennt uns genau, was aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass wir auch unser inneres Team kennen. Was wir aber kennen, sind die Auswirkungen die es hat, wenn unser inneres Team, aktiv ist. Diese können wir herausarbeiten. 

 

Es gibt Situationen, in denen sind wir extrem selbstbewusst. Wir fühlen uns wohl mit dem was wir tun und können jeden Zweifler, jeden Kritiker, sofort in seine Schranken verweisen. Dann ist der/die selbstbewusste aktiv. Er/sie ist Teil unseres Teams. Ein eher dominanter Teil. Kritik hört er/sie zwar, weist diese aber auch schnell wieder von sich, wenn sie nicht zu 100% zutrifft. 

Wie könnte dieser Mitarbeiter aussehen? Vielleicht trägt er einen Anzug und eine Sonnenbrille. Wahrscheinlich hat er ein sehr gepflegtes Äusseres. Er hält viel von sich und zeigt dies auch nach Aussen. 

 

Dann gibt es den/die enthusiastische(n). Er/sie ist sehr begeisterungsfähig, immer hoch motiviert und ein absoluter Anpacker. Kritik überhört er/sie gerne. Sein/ihr Ziel ist das Machen. Ob es erfolgreich ist oder nicht, wird sich im Nachhinein schon zeigen. Für ihn/sie zählt nur das JETZT. Wie könnte so jemand aussehen? Welche Merkmale machen ihn/sie aus, welche Verhaltensweisen spiegelt er nach Aussen? Welche Gefühle sind damit verbunden, wenn dieses Teammitglied am Werk ist? 

 

Es gibt aber auch den Kritiker im Team. Dieses Teammitglied hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, immer das Haar in der Suppe zu suchen (und meistens auch zu finden). Der Kritiker wird immer dann laut, wenn das Team merkt, dass wir nicht zu 100% hinter einer Entscheidung, einer Idee oder einem Gedanken stehen. Er arbeitet immer. Aber sobald wir beginnen zu zweifeln, wird unser innerer Kritiker aktiv. Wie sieht ein solcher Mitarbeiter aus? Vielleicht hat er eine Brille an und läuft den ganzen Tag mit einem Klemmbrett unter dem Arm herum, auf dem er alle seine Beobachtungen und Kritikpunkte notiert? Evtl. kennzeichnet er sich durch eine permanent in Falten gelegte Stirn? 

 

Ein weiteres, wichtiges, aber eher zurückhaltendes Teammitglied ist der Beobachter. Er ist eher von der stillen Sorte. Sein Bestreben liegt nicht darin, Meinungen immer und überall kundzutun, sondern er beobachtet. Und zwar ALLES. Er beobachtet die Führungsetage, seine Teamkollegen, jeden Schritt den wir tun und jeden Handschlag den wir machen. Der Beobachter hat die Gabe, die Dinge nicht zu bewerten. Er sieht zu und wirft seine Beobachtungen ab- und an in den Raum, wenn er sie für relevant hält. Welche Merkmale hat der Beobachter? Ist er ein freundlicher, lustiger Typ? Oder doch eher ein ernster, wenig kommunikativer Zeitgenosse? 

 

Wenn wir uns so die einzelnen Persönlichkeiten in unserem Team ansehen, können wir mit der Zeit eine gewisse Struktur erkennen. Es macht Sinn, sich Stifte und Papier zu schnappen und sich diese Charaktere wirklich einmal aufzumalen. So, wie es Fotos der Mitarbeiter in Personalakten gibt, damit sich die Führungsetage ein Bild machen kann, so können auch wir uns ein Bild unserer Mitarbeiter machen. Das macht nicht nur Spaß. Es hilft uns zu verdeutlichen, mit wem wir es eigentlich zu tun haben. 

 

Auf gute Zusammenarbeit!

Die oben aufgeführten Persönlichkeitstypen finden wir am häufigsten. Sie sind in den allermeisten Teams zu finden. Jedoch gibt es verschiedene Abstufungen und Zwischenebenen. Es kann also sein, dass in manchen Teams zusätzlich ein humorvoller, ein kreativer, ein eingebildeter, ein unnahbarer... Charakter seinen Platz eingenommen hat. Auch wenn uns im ersten Moment nicht alle Charaktere sympathisch erscheinen, ist es wichtig, sie wertfrei anzunehmen und zu betrachten. Denn sie alle machen einen wertvollen Job, wenn wir sie lassen. Ignorieren oder missbilligen wir sogar einen dieser Charaktere, kann es passieren, dass dieser Charakter sich entweder gar nicht mehr zu Wort meldet, was eine Lücke in unserem Team bedeuten würde, oder aber beginnt, sein eigenes Ding zu machen, was wiederum Schwierigkeiten für die anderen Teammitglieder mit sich bringen kann. 

 

Kennen wir unsere Teammitglieder, können wir beginnen, sie bewusst in unsere Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Wir können sie fragen. Dabei können wir gezielt einzelne Charaktere ansprechen und bspw. einen anderen Charakter um eine Gegendarstellung bitten. Ihr inneres Team wird Luftsprünge machen und sich sofort an die Arbeit begeben! 

Als Führungskraft ist es dann unsere Aufgabe, so lange zu justieren, bis möglichst alle Teammitglieder zufrieden sind. Das bedeutet nicht, dass jedes Teammitglied an jeder Entscheidung zu 100% beteiligt sein muss. Wichtig ist aber, dass man sich alle Seiten anhört und sie wahrnimmt. Wenn wir das schaffen, wird unser Team immer routinierter in der Zusammenarbeit und die Ergebnisse werden von Mal zu Mal hochwertiger. Auch wir werden mit der Zeit routinierter in unserer Position als leitendes Organ unseres Teams und können, wenn wir spüren dass ein Zweifel in uns aufkeimt, gleich in die Kommunikation mit unserem Team gehen, statt uns vorher durch eine Krise hindurch quälen zu müssen. Denn das innere Team wird nun nicht mehr die Notwendigkeit verspüren, sich lautstark Gehör zu verschaffen. Es weiss ja nun, dass wir an einer guten Zusammenarbeit interessiert sind. 

 

Jedem der Lust hat, sich näher mit seinem inneren Team zu befassen und herauszufinden, was es alles kann, lege ich dieses Buch ans Herz. Friedmann Schulz von Thun, der das Bild des inneren Teams prägte und Wibke Stegemann, Kommunikationstrainerin und selber Coach, beschreiben die Arbeit und Funktionsweisen des inneren Teams in ihrem Buch "Das innere Team in Aktion". Auch für Coaches ist dieses Buch ein echter Geheimtipp, da es in vielen Bereichen der Beratung eine echte Bereicherung darstellt. 

 

Absolut empfehlenswert: